ALL EYES ON: KRASH AND CREWS

Ein Text von Berlin Writers/Krash and Crews
Ein Text von Berlin Writers/Krash and Crews

15 Jahre ist es nun her, dass ich meinen ersten Zug besprüht habe. Vor allem Graffiti Art #6 und die Writer aus meinem schulischen Umfeld und meinem Freundeskreis haben mich damals dazu bewogen. Dabei haben sich die Prioritäten und Ziele im Laufe der Jahre ständig verändert. Zuerst wollte ich überhaupt mal eine S-Bahn und U-Bahn bemalen, dann einen Wholecar machen. Dann kamen die Jahre in denen ich immer etwas am Fahren haben wollte, erst richtig zu frieden war, wenn ich am besten 5 Züge die Woche gemalt hatte. Ich wollte meine Bilder in Magazinen und Videos publiziert sehen und ausländische Züge wie Briefmarken sammeln. Ich wollte zur Berliner-Trainwriting-Elite gehören.


Noch heute fasziniert mich all das, aber vor allem auch mit welcher Leichtigkeit und welchen Verdrängungsstrategien man mit allen Problemen umgegangen ist. Der Stress mit den Eltern, der Schule, anderen Writern, kein Geld zu haben und der Repression durch Polizei und Justiz ausgesetzt zu sein. Es war schwer zu akzeptieren, dass es ein Genug gibt. Sich einzugestehen, dass man eigentlich alle angesprochenen Ziele erreicht hat und es persönlich-biografisch, im gesellschaftlichen Sinne nur noch (mehr) bergab gehen kann. Wenn ich mir die Writer anschaue die sich mehr oder weniger bedingungslos dem „Graffiti-Life“ verschrieben haben erfüllt mich das einerseits mit Respekt, aber andererseits auch mit Mitleid. Nie wieder will ich vor einem Richter sitzen oder nach einem Bust das Gefühl haben „Scheiße, jetzt hast du es verkackt“. Meine Prioritäten im Leben haben sich gewandelt. Ich habe weitestgehend versucht meine Hobbys und Stärken zum Beruf zu machen, wobei Jugendkulturen immer noch einen hohen Stellenwert haben.

Ich Blicke auf eine wilde Zeit zurück voller Spaß und Abenteuer. Die gemeinsamen Geschichten an die man sich mit seinen Freunden zurück erinnert. Vor allem die „Zigeuner-Interrail-Touren“, bei denen es egal war ob man einen Schlafplatz hatte oder nicht. Hab und Gut und überschüssige Cans wurden einfach in einem Schließfach gebunkert und geschlafen wurde in Zügen, auf Bahnhöfen, Gebüschen am Yard oder in Stadtparks. Diese gemeinsamen Erfahrungen und die Überwindung von Hürden macht für mich viel beim Writing aus. Dabei kann ich die Inszenierungsstrategien, die teilweise von anderen Writern und Crews verfolgt werden, die von gewalttätig, über frauenfeindlich bis hin zu rassistisch reichen, nur müde belächeln oder mich fremd schämen.

All das gehört für mich nicht zu dem was Graffiti ausmacht und in den 70er Jahren in den U.S.A. wollte, woraus Graffiti überhaupt erst entstanden ist. Die Überwindung von Gewalt, gesellschaftlichen Ungleichheiten und Ausgrenzungen und das durch ein an sich völlig unpolitisches Medium „just writing my name“. Die Welt hat sich weiter gedreht, Europa ist nicht die U.S.A. und die Soziologie der Graffiti-Szene hier alles, aber nicht Oldschool und das ist aus Sicht der sozialen Probleme in den 60er/70er Jahren in den U.S.A. auch gut so. Graffiti hat sich aus den vier Elementen der HipHop-Kultur entwickelt und auch dabei hat sich heute einiges verändert.

Nicht jeder der viel sprüht hört automatisch HipHop und aus meiner Sicht tun das heutzutage in meinem direkten Umfeld die Wenigsten. Ich konnte HipHop nie so viel abgewinnen wie anderen Musikrichtungen: Punk, bevor ich angefangen habe zu sprühen, dann Drum ´n Bass und später Techno. Musik war für mich auch immer ein Medium mich zu enthemmen, los zu lassen und zu tanzen. Das hat HipHop Musik und vor allem HipHop Partys aus meiner Sicht nie bedient.

Ich finde die Atmosphäre auf HipHop Konzerten und Partys unangenehm, das „Cool-Sein“, das Testosteron in der Luft und das ständige Gebaggere als Hauptdisziplin des Abends. Klar gibt es das auf Partys anderer Musikrichtungen auch, aber ich kriege davon einfach nicht so viel mit, weil es nicht die ganze Zeit allgegenwärtig ist und so offensichtlich an mich herantritt.

Jugendkulturen im Allgemeinen verändern sich ständig, es gibt immer neue Ausdifferenzierungen und Ausprägungen. In den letzten hundert Jahren ist die Anzahl der Jugendkulturen von der Ersten, den „Wandervögeln“, auf ein völlig unüberblickbares Feld angestiegen.

März 2015
März 2015

Schon innerhalb einzelner Jugendkulturen fällt es schwer die einzelnen Ausdifferenzierungen und Unterschiede zwischen den vielen Subgenres zu erkennen. Um jetzt mal wieder zurück zum Thema zu kommen, das Selbe gilt meiner Meinung nach für die Zukunft von Graffiti auch. Egal wie viel sich Deutschland oder Europa mühe gibt sich illegalem Graffiti in den Weg zu stellen, damit werden sie immer auch das System um Anerkennung und Ruhm und die Transformation, im Sinne der Techniken und Ausprägungsformen in der Graffiti-Subkultur fördern. Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß dabei!


An dieser Stelle möchte ich alle meine Freunde, Wegbegleiter und -bereiter grüßen, insbesondere: Acid, Aser, Bios, Chuk, Crush, Dask, Dizzy, East, Enter, Kabel, Kater, Kena, Kotze, Law, Lazy, Limp, Maner, Mister, Odik, Pak, Roy, Ruins, Slade, Surf, Trazy.  

 

Ruhe in Frieden: Ruzd, Maxim, Skey und Pepe.   

All eyes on ist ein Projekt von Berlinwriters.com